Identifikation Person/Körperschaft: ja NS-verfolgt: ja Eigentümer: unbekannt
Notiz: Das katholische Bonifatiuskloster der Barmherzigen Brüder der Kirche des Heiligen Kreuzes (Übersetzung aus dem Litauischen) in Vilnius befindet sich in der Altstadt am S. Daukanto aikšte Platz (vor 1945 Napoleonplatz). Das im Barockstil gehaltene Gebäude wurde um 1635 für den Orden der Barmherzigen Brüder errichtet.
Die Geschichte der Katholischen Kirche in Vilnius geht bis auf das Jahr 1543 zurück, als der spätere Bischof von Vilnius, Paweł Algimunt Holszański (1490–1555), eine Kapelle an dem heutigen Sitz des Klosters errichten ließ. Nachdem der Brüderorden 1635 in Vilnius eintraf, ließen sie die Kapelle abreißen und errichteten eine kleine Kirche, die 1737 niederbrannte. Elf Jahre später erfolgte der Wiederaufbau des Gebäudes. Bis heute zieren die Fassade die markanten zwei Türme. Einhundert Jahre nach der Erbauung ließ der nun amtierende Bischof ein Krankenhaus neben der Kapelle anlegen. Die Versorgung der Patienten lag bis zu seiner Auflösung im Jahr 1843 in der Verantwortung des Ordens der Barmherzigen Brüder. 1924 kehrte der Orden nach Vilnius zurück und eröffnete im Kloster ein Altenheim sowie eine Suppenküche für die Bedürftigen.
Obwohl keine genauen Kenntnisse vorliegen, warum die Nationalsozialisten die Bücherbestände der Missionarskirche raubten, kann anhand der in ihnen identifizierten Bergungsnummer „15“ festgestellt werden, dass das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) dafür verantwortlich gewesen war. Die Bücher wurden in einem bisher unbekannten Zeitraum während der nationalsozialistischen Besatzung aus Vilnius nach Berlin verschleppt. Dort lagerten sie bis zum Kriegsende in einem ehemaligen Logengebäude in der Eisenacher Straße 11–13, das vom RSHA als Depot genutzt worden war. Die Bücher des Klosters ergänzten die Raubgutbestände, die u.a. aus jüdischen Gemeinden, Logen, Parteibibliotheken und staatlichen Institutionen europaweit unrechtmäßig zusammengetragen worden sind.
Quellen
Bank, J. & Gevers, L.: Churches and Religion in the Second World War. London 2016.
Suziedelis, Saulius (1988). The Sword and the Cross: A History of the Church in Lithuania. Huntigton 1988.
Toleikis, Vytautas: Verdrängung, Aufarbeitung, Erinnerung. Das jüdische Erbe in Litauen, in: Sapper, Manfred (2008): Impulse für Europa: Tradition und Moderne der Juden Osteuropas, (Osteuropa 8–10/2008). Berlin 2008, S. 455–464.