Elsas, Fritz Dr.

Person/Körperschaft

Identifier/Permalink:
Entity 9545
Address:
Patschkauer Weg 41, Berlin

Tätigkeit/Titel/Branche:
Staatswissenschaftler / Politiker /WiederstandskämpferDr. (1912 bis 1945)

Geburt: 11. Juli 1890 in Cannstatt
Inhaftierung: 10. August 1944 in Berlin / Haft im Gefängnis Lehrter Straße
Tod: 18. Januar 1945 in KZ Sachsenhausen
Identifikation Person/Körperschaft: ja
NS-verfolgt: ja
Eigentümer: ja
GND: http://d-nb.info/gnd/118926527
Notiz: Biografie: Angela Borgstedt (Autorin), aus: Württembergische Biographien 1, 63-64:
Fritz Elsas wurde am 11. Juli 1890 in Cannstatt geboren. Sein Vater Julius, Kommerzienrat und Mitglied der DVP, war Mitinhaber einer Mechanischen Buntweberei, die Mutter Bertha geborene Lindauer Fabrikantentochter. Prägend war die liberale Atmosphäre im Elternhaus, die religiöse Bindung zum Judentum wohl eher sekundär. Nach dem frühen Tod der Mutter übernahm die evangelische Stiefmutter die Erziehung, zu deren Glauben Elsas schließlich als Student konvertierte. 1908 bestand Elsas das Abitur am Cannstatter Gymnasium und nahm ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in München auf, das er 1909 bis 1911 in Berlin fortsetzte und 1911 bis 1913 in Tübingen abschloss. 1912 promovierte er mit einer staatswissenschaftlichen Arbeit über „Ausnahmetarife im Güterverkehr der preußisch-hessischen Eisenbahngesellschaften“. In den folgenden zwei Jahren verfasste er eine dann allerdings nie eingereichte Habilitationsschrift, die er im August 1914 beiseite legte, um sich als Kriegsfreiwilliger zu melden. Bereits 1913 war Elsas als Einjährig-Freiwilliger wegen Kurzsichtigkeit nach nur wenigen Wochen ausgemustert worden und wurde nun als „dauernd garnisonsdienstuntauglich“ abgewiesen. Er fand Anstellung bei der Handelskammer, seit Februar 1915 bei der Stadt Stuttgart. Dort stellte Elsas sein organisatorisches Talent in solcher Offenkundigkeit unter Beweis, dass Oberbürgermeister Karl Lautenschlager noch im gleichen Jahr für eine Beförderung auf die eigens eingerichtete Stelle eines Leiters des Mehlhauptamtes sorgte. In dieser Funktion oblag Elsas alsbald die Lebensmittelversorgung einer Großstadt im Krieg. Die effiziente Durchführung dieser Aufgabe veranlasste den Oberbürgermeister, dem jungen Verwaltungsjuristen, der 1919 ein Stellenangebot des württembergischen Innenministeriums erhalten hatte, das neugeschaffene Amt eines städtischen Rechtsrats anzubieten. 1925 schließlich beförderte er ihn zum Personalamtsleiter, ein letzter Versuch, den ambitionierten Verwaltungsfachmann und Politiker im städtischen Dienst zu halten.
Elsas, vor dem Weltkrieg bei den Jungliberalen engagiert, war im Dezember 1918 Mitglied der DDP geworden. Wie Frank Raberg nachgewiesen hat, wurde allerdings nicht er, sondern sein Onkel Hugo Elsas zum juristischen Berater bei der Verfassunggebenden Landesversammlung bestimmt. Von 1924 bis zum Oktober 1926 war Elsas Mitglied des württembergischen Landtags und gehörte dem Verwaltungs- und Wirtschaftsausschuss an. Zum 1. November 1926 wechselte er jedoch als Vizepräsident und geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Deutschen wie des Preußischen Städtetages nach Berlin. Verbindungen hatte er bereits 1921 knüpfen können, als er die in Stuttgart stattfindende erste Hauptversammlung des Deutschen Städtetags der Nachkriegszeit organisatorisch betreute. Seine Tätigkeit, vor allem seine zusätzlichen Ämter wie das der Mitgliedschaft im Vorstand des Reichsarbeitgeberverbandes brachten ihn in Verbindung zu Persönlichkeiten wie dem Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler. Am 14. April 1931 wurde Elsas von den Berliner Stadtverordneten zum zweiten Bürgermeister gewählt. Seine Amtstätigkeit endete abrupt im Frühjahr 1933 mit der Dienstentlassung durch die Nationalsozialisten. Elsas, seit dem Sommer 1915 mit der Cannstatter Fabrikantentochter Marie Scholl verheiratet und Vater dreier Kinder, dachte selbst keinesfalls an Emigration. Fortan widmete er sich der Unterstützung jener, die das nationalsozialistische Deutschland als rassisch Verfolgte verließen. In einem eigens eingerichteten Büro beriet er sie in allgemeinen wie devisenrechtlichen Fragen der Auswanderung. Zudem schloss er sich 1934 der liberalen Widerstandsgruppe um den Berliner Richter Ernst Strassmann und den Hamburger Prokuristen Hans Robinsohn an, als deren Mittler zu industriellen, konservativen wie gewerkschaftlichen Kreisen er fungierte. Von den Berliner Verbindungen abgesehen, als deren wichtigste er den zum vormaligen Geschäftsführer des Hansa-Bundes Hans Reif ansah, brachte er die Robinsohn-Strassmann-Gruppe mit württembergischen NS-Gegnern wie Theodor Heuss, dessen Sohn Ernst-Ludwig sowie systemkritischen Mitarbeitern der Firma Robert Bosch in Kontakt. Letzterer Kreis finanzierte dann auch seit 1937 die Widerstandstätigkeit des inzwischen dienstentlassenen Carl Goerdeler, zu dem wiederum Elsas in besonders engem Vertrauensverhältnis stand. So war es für den selbst eminent Gefährdeten selbstverständlich, den nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 steckbrieflich gesuchten Goerdeler wenigstens kurzzeitig an zwei Tagen Ende Juli in seiner Berliner Wohnung aufzunehmen. Elsas bezahlte für dieses wie insgesamt sein Engagement im Widerstand einen hohen Preis, den seine Familie mitzutragen hatte. Als er am 10. August 1944 in Gestapohaft genommen wurde, kamen seine Frau und ältere Tochter in sogenannte Sippenhaft in das Frauengefängnis Berlin-Moabit. Die jüngere, nach Kriegsende mit Ernst-Ludwig Heuss verheiratet, versteckte sich zunächst, kam dann jedoch in KZ-Haft nach Ravensbrück. Der Sohn Peter Elsas befand sich bereits seit Jahresbeginn 1944 im KZ Buchenwald.
Elsas war bis zum Jahresende 1944 im Gestapogefängnis in der Lehrter Straße inhaftiert. Ende Dezember wurde seine Verbringung in das KZ Sachsenhausen verfügt, wo er mutmaßlich am 4., spätestens jedoch am 17. Januar 1945 erschossen wurde. Das Todesdatum wurde auf den 18. Januar festgesetzt, da an diesem Tag die Bekanntgabe der Einziehung seines Nachlasses im „Reichsanzeiger“ veröffentlicht wurde.
Verwandte Personen/Körperschaften
Jeserich, Kurt G. A. (steht in Beziehung mit)
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