Oettinger, Walter Bernhard

Person/Körperschaft

Identifier/Permalink:
Entity 643
Tätigkeit/Titel/Branche:
Dr. med., Prof.
Oberarzt und außerordentlicher Professor am Hygienischen Institut der Universität Breslau (vor 1918)
Leiter des Bakteriologischen Instituts im Städtischen Krankenhaus Westend (Charlottenburg) (1918 bis 1920)
Leiter des Städtischen Untersuchungsamts für ansteckende Krankheiten in Charlottenburg-Westend (1918 bis 1920)
Stadtmedizinalrat und Stadtrat für Gesundheitswesen in Berlin-Charlottenburg (1921 bis 1933)
Dozent und Kuratoriumsmitglied der Sozialhygienischen Akademie Berlin-Charlottenburg (vor 1933)

Geburt: 20. Januar 1879 in Breslau
Deportation: 15. August 1942 in Riga
Tod: 18. August 1942 in Riga

Adresse:
Carmerstraße 17, Berlin-Charlottenburg (1921)
Knesebeckstraße 56/57, Berlin-Charlottenburg (1935 bis 1938)
Schlüterstraße 44, Berlin-Charlottenburg (1939)
Stübbenstraße 1, Berlin-Schöneberg (1939 bis 1942)

Identifikation Person/Körperschaft: ja
NS-verfolgt: ja
Eigentümer: ja
Notiz: Siehe auch Walter Bernhard Oettinger auf provenienzforschung.zlb.de

Walter Bernhard Oettinger wurde am 20. Januar 1879 als Sohn von Minna Oettinger geb. Weinstein (1852–1941) und des Kaufmanns Max Oettinger (??-??) in Breslau geboren.

Ab 1897 absolvierte Walter Oettinger ein Medizinstudium in Freiburg i. B. und in Breslau, wo er 1904 promoviert wurde. Anschließend war er als Assistent und später als außerordentlicher Professor und Oberarzt am Hygienischen Institut der Universität Breslau tätig. Er nahm als Soldat am Ersten Weltkrieg teil und leitete ab 1918/1919 das Bakteriologische Institut im Städtischen Krankenhaus Charlottenburg-Westend sowie das Städtische Untersuchungsamt für ansteckende Krankheiten in Charlottenburg-Westend. Ab 1921 war Oettinger als verbeamteter Stadtmedizinalrat und Stadtrat für Gesundheitswesen in Charlottenburg, das 1920 ein Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin geworden war, tätig. Zudem lehrte er an der Sozialhygienischen Akademie Charlottenburg.

Von den Nationalsozialisten wurde Oettinger, der 1906 zum Protestantismus übergetreten war, auf Grund seiner jüdischen Herkunft verfolgt. Nachdem seine zwölfjährige Amtszeit als Stadtrat, die im März 1933 endete, nicht verlängert worden war, wurde er in den Ruhestand versetzt. Angesichts der zunehmenden antisemitischen Gewalt und Repression suchte er ab Mitte der 1930er Jahre nach Wegen, um Deutschland verlassen zu können.
Mitte Juni 1938 reiste Oettinger in die USA, musste allerdings schon im Juli des Jahres wieder nach Deutschland zurückkehren, da nur wenige Wochen nach seiner Ankunft sein Reisepass ablief und es ihm nicht gelang, eine Beschäftigung in den Vereinigten Staaten zu finden.

Bis Herbst 1938 hatte Oettinger in der Knesebeckstraße 56 in Berlin-Charlottenburg gewohnt, musste die Wohnung dann aber aufgeben. In den Berliner Adressbüchern ist Oettinger ab 1939 nicht mehr verzeichnet. Bei der Volkszählung im Mai 1939 wurde er mit der Berliner Adresse Schlüterstraße 44 erfasst. Spätestens ab Herbst des Jahres bewohnte er ein einzelnes Zimmer zur Untermiete in der Stübbenstraße 1 in Berlin-Schöneberg.
  

Laut seiner Vermögenserklärung vom 13. August 1942 besaß Oettinger zu diesem Zeitpunkt nur noch einige wenige Kleidungsstücke und Möbel sowie einen „Posten Bücher“. Seit Februar 1942 hatte ihm die Stadt Berlin seine Pension nicht mehr ausgezahlt.

Am 15. August 1942 wurde Walter Oettinger von Berlin aus nach Riga deportiert und dort kurz nach seiner Ankunft am 18. August 1942 in den Wäldern Rumbula oder Biķernieki erschossen.

Geraubte Bibliothek

Anfang September 1942 besichtigten der Gerichtsvollzieher Fuchs und der Sachverständige für Antiquariats- und Buchhandel Max Niederlechner im Auftrag der Vermögensverwertungsstelle des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg Oettingers versiegeltes Zimmer in der Stübbenstraße. Eine mehrere hundert Bücher und Zeitschriften zählende Sammlung zu dem Dichter Friedrich Hebbel (1813–1863) wurde von dem Sachverständigen mit 5.000 RM bewertet und der Berliner Universitätsbibliothek zum Kauf angeboten. Was weiter mit der Sammlung geschah, ist nicht überliefert.

Belegt ist, dass zumindest Teile der übrigen Bibliothek Oettingers nach dem Entzug durch das Deutsche Reich in die Städtische Berliner Pfandleihanstalt gelangten. Von dort erwarb die Berliner Stadtbibliothek (heute Zentral- und Landesbibliothek Berlin) 1943 insgesamt ca. 40.000 Bücher, die nachweislich aus den letzten Wohnungen deportierter Berliner Jüdinnen und Juden stammten, darunter mindestens zwei Exemplare aus Oettingers Eigentum.

Erb*innen / Familienangehörige

Walter Oettinger war ledig und hatte keine Kinder.

Seine Schwester Frieda (geb. 1877 in Breslau; gest. 1936 in Berlin) war mit dem Arzt Paul Henry Gerber (geb. ??; gest. 1919) verheiratet und hatte mit ihm zwei Söhne: Heinz Wolfgang Richard (geb. 1906 in Königsberg; gest. 1941 im KZ Groß-Rosen) und Hans (geb. 1907 in Königsberg; gest. nach 1960).

Oettingers zweite Schwester Margarete (geb. 1883 in Breslau; gest. 1941 in Usbekistan) und ihr Ehemann, der Unternehmer Hugo Grünfeld (geb. ??; gest. 1939 in Lwów), hatten drei Kinder: Walter (geb. 1908 in Kattowitz; gest. 1988 in der Schweiz), Lotte (geb. 1910 in Kattowitz; gest. 1990 in Südafrika) und Marianne Ilse Hanna (geb. 1912 in Kattowitz; gest. 1942 in Auschwitz).


Quellen & Literatur (Auswahl):

 
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv: 29 ZH Luckau 514: Zuchthaus Luckau, Gefangenen-Personalakte Dr. Wolfgang Gerber

Jenka Fuchs (Zentral- und Landesbibliothek Berlin), Stand vom 27. März 2026.

Dank für sachkundige Hinweise zu Walter Oettinger gilt Thomas Wolfes (Verwaltungsinformationszentrum Charlottenburg).

 
Verknüpfte Person/Körperschaft
Niederlechner, Max (steht in Beziehung mit)
Wird geladen...