Niederlechner, Max

Person/Körperschaft

Identifier/Permalink:
Entity 19797
Tätigkeit/Titel/Branche:
Antiquar ; Buchhändler
Sachverständiger für wissenschaftlichen Buchhandel und wissenschaftliches Antiquariat der Industrie- und Handelskammer Berlin (1930)
Beauftragter der Reichsschrifttumskammer (1935)
Gutachter des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg (1941)
Sachverständiger für Antiquariats- und Sortimentsbuchhandel beim Senat von Groß-Berlin bzw. Berlin (West) (1948)

Geburt: 5. Juni 1889 in Berlin
Tod: 18. März 1970 in Berlin

Identifikation Person/Körperschaft: ja
NS-verfolgt: nein
Eigentümer: nein
GND: https://d-nb.info/gnd/116998563
VIAF: https://viaf.org/viaf/77082170
Wikidata: https://www.wikidata.org/wiki/Q94888301
Notiz:

Max Ludwig Paul Niederlechner, geboren am 5. Juni 1889 in Berlin, absolvierte ab 1905 eine Lehre bei der Berliner Buchhandlung Puttkammer & Mühlbrecht und arbeitete anschließend im Antiquariat S. Calvary & Co. Von 1910 bis 1925 war er Mitarbeiter der Antiquariatsbuchhandlung Joseph Baer & Co. (Frankfurt a. M.), unterbrochen vom Wehr- und 'Heimatdienst' in der Kriegsrohstoffabteilung (KRA), Berlin, wo er 1918 die Privatsekretärin Friederike Auguste Mercedes Ehmke (1892–1958) heiratete.

Ab Oktober 1925 war Niederlechner im soeben eröffneten Antiquariat der Hirschwaldschen Buchhandlung (Berlin) tätig. Die Inhaber aus der Familie Springer wurden aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach und nach aus dem Unternehmen verdrängt und 1941 die Buchhandlung zu demonstrativer „Arisierung“ in Lange & Springer umbenannt. Dort war Niederlechner zunächst Leiter des Zeitschriftenlagers, 1928 des Antiquariats, wurde später Prokurist und betreute die Fachgebiete 'Geschichte der Medizin', 'Geschichte der Wissenschaften' und 'Ältere Medizin'. Er publizierte Miszellen zum Buchmarkt unter dem Namen „Niderlechner“ und engagierte sich in der Buchhandelsausbildung.

Nach eigener Angabe war Niederlechner seit 1930 parallel zu diesen Tätigkeiten zum vereidigten Sachverständigen für wissenschaftlichen Buchhandel und wissenschaftliches Antiquariat von der Berliner Industrie- und Handelskammer bestellt. In den späteren 1930er Jahren war er als Beauftragter der Reichsschrifttumskammer (RSK) mit der Begutachtung von Bücherlisten in Auswanderungsanmeldungen befasst, bei denen er verbotene Literatur auszuscheiden und Werte festzusetzen hatte, die auf die Zwangsabgaben für die Auswandernden angerechnet wurden.

Ab 1941 war Niederlechner als Sachverständiger des Oberfinanzpräsidenten (OFP) Berlin-Brandenburg für Bücher in der Verwertung verfolgungsbedingt entzogener Güter aus jüdischem Eigentum tätig. Als Gutachter hatte er Bücher aus dem Eigentum geflohener und deportierter Verfolgter zu prüfen und zu bewerten, die aus Einlagerungen in Speditionen in Versteigerungen des OFP gebracht oder in Wohnungen Verschleppter beschlagnahmt oder danach bei Gebrauchthändler:innen gesammelt worden waren. Für Versteigerungen legten Niederlechners Gutachten die Aufrufpreise fest, nach denen die Zuschläge erfolgten. Bücher aus den Wohnungen und Lagern konnte er für den Schätzpreis an von ihm ausgewählte Antiquare verkaufen lassen. Er initiierte auch Verkäufe an Institute und die Reichstauschstelle der deutschen Bibliotheken für „Wiederbeschaffung“.

Nach 1945 blieb Max Niederlechner unangefochten öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger der Berliner Industrie- und Handelskammer, dann auch des Senats von Groß-Berlin ab etwa 1948. Als solcher trat er als Gutachter in 'Wiedergutmachungs-' bzw. Rückerstattungsverfahren auf, das auch häufig für Sammler, die er durch seine langjährige Verbindung in bibliophile Kreise persönlich kannte. Niederlechner starb 1970 in Berlin.

Als Dienstleister der Verwaltung wurde Max Niederlechner Funktionsträger der bürokratischen Ebene der nationalsozialistischen Verfolgung und Verwertung und setzte die fiskalischen Interessen des NS-Regimes um. Als eine vermeintlich neutrale Sachwaltung stand diese Dienstleistung nach der Mitwirkung im Genozid an den europäischen Juden und Jüdinnen ebenso der bundesdeutschen Justiz zur Verfügung.

Quellen & Literatur (Auswahl):

 
  • Flick, Caroline: Max Niederlechner als Sachverständiger des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg, in: RETOUR – Freier Blog für Provenienzforschende, 12.11.2025, https://doi.org/10.58079/154q8.
  • Landesarchiv Berlin: Personenstandsregister, Geburtsregister, lfd. Nr. 165, Standesamt Berlin Va, Urkunde Nr. 1496, Geburtsregister Max Niederlechner.
  • Landesarchiv Berlin: Personenstandsregister Sterberegister 1874-1986, Standesamt Berlin-Wilmersdorf, 1970, Urkunde Nr. 784, Sterberegister Max Niederlechner.
  • LostLift Datenbank: Person Max Niederlechner, Gutachter für die Bibliothek im Rückerstattungsverfahren Karl Wilhelm Liebmann (StAHH 213-13_20043), https://lostlift.dsm.museum/de/detail/person/e9384edb-2781-4f1d-8b2b-593de2d12492 (zuletzt aktualisiert 07.06.2024).
  • Niderlechner, Max: Aus meinen acht Jahrzehnten, in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 44, 03.06.1969, S. 1317-1321.
  • Sarkowski, Heinz: Der Antiquar Max Niderlechner: MN oder "Der kleine Mann im großen Haus", in: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 95, 28.11.1989, S. A 440-A 441.

Caroline Flick (Berlin) / Jenka Fuchs (Zentral- und Landesbibliothek Berlin), Stand vom 25. November 2025

Dank für sachkundige Hinweise gilt Elisabeth Weber (Jüdisches Museum Berlin).


 
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